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24.Dezember 2015 - Heilig Abend

Liebe weihnachtliche Gemeinde,

Ziel erreicht. Es ist Heilig Abend. Wir haben es geschafft. Jetzt können wir durchatmen. Die vergangenen Wochen des Stresses hinter uns lassen.

Und ist es Ihnen in diesem Jahr gelungen? Eine etwas stressfreiere Adventszeit, wie schon in den letzten Jahren so oft vorgenommen. Natürlich sollte das Fest vorbereitet werden, es soll schön werden. Ein, nein DER Höhepunkt des Jahres. Es wurde bei den Meisten von Ihnen sicherlich in den letzten Wochen gewerkelt, eingepackt, gebacken, gekocht, geschrieben, telefoniert, in Firmen gefeiert, geputzt, eingeladen, und…und…und. Dies alles tun wir, weil wir großes vom heutigen Abend und von den nächsten beiden Tagen erwarten. Zur Not stürzen wir uns auch in den Tagen vor dem Fest in das Getümmel der Supermärkte. Wenn man, wie so oft bei Kaufland geschehen, überhaupt noch einen Korb bekommt. Zeit muss man ohnehin einplanen. Viel Zeit.

Ich persönlich gehe ganz gerne eine Woche vor dem Fest einkaufen, weil ich ja weiß, was einen erwartet. Im letzten Jahr, ich erinnere mich genau, fehlte am 22.12. noch eine Tüte Backpulver. Ich bekam den offiziellen Auftrag, noch eben kurz dies zu besorgen. Etwas vorsichtig fuhr ich, da war ich weise, mit dem Fahrrad zum eben besagten Supermarkt. Eine Tüte Backpulver, 75 min. Einkaufszeit. Und ich fragte mich, ob ich die Ankündigung des Weltunterganges verpasst hätte? Dann lieber ohne Weihnachtskuchen, so mein persönliches Resultat.

Aber Weihnachten soll wieder etwas Besonderes sein. Für mich, für meine Familie und die Menschen, die mir in Besonderer Weise am Herzen liegen. Und das Ergebnis: oft ist es ja so, dass der Heilig Abend dann auch ein Abend der Erschöpfung ist. Ein Abend, in dem aller Stress von einem abfällt und die Müdigkeit einen überkommt. Aber der Tag selbst verbietet es, sich dieser preiszugeben. Da werden die letzten Kräfte mobilisiert, heute Abend soll, ja heute Abend muss es schön werden. Das Ziel einer langen Reise ist erreicht. Und ich wünsche Ihnen und uns allen, dass sich unsere Wünsche und Vorstellungen von diesem Fest erfüllen, dass Sie alle tolle und gesegnete Tage im Kreis ihrer Familie oder anderswo verbringen werden.

Auch in einer so schnelllebigen Zeit. Denn, ich find´s ja komisch, eine ellenlange Vorbereitungszeit für 2, höchstens 3 Tage. Denn am kommenden Wochenende, spätestens ab Montag, redet keiner mehr von Weihnachten. Das nächste Fest, der Jahreswechsel steht bevor und der Countdown läuft zur Vorbereitung des nächsten Highlights.
Und nun sitzen wir hier, in unserer St. Nicolai Kirche. Das heutige Fest kann beginnen. Ich freue mich, dass Sie sich in aller Hektik die Zeit genommen haben, hier heute Abend mit dabei zu sein. Vielleicht können Sie ja das erste Geschenk des diesjährigen Weihnachtsfestes von hier aus mitnehmen. Ich will versuchen, es für sie auszupacken und sichtbar zu machen. Nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar und damit lebbar.

Denn es steht ja wirklich auch die Frage, ob es denn eine Chance gibt, Weihnachten wirklich nachhaltig erleben, ja leben zu können? Eben nicht nach 2-3 Tagen als abgeschrieben zu vergessen? Erledigt. Vorbei. Kann ein weihnachtliches Gefühl, welches sich über die Jahre natürlich verändert, zu einem weihnachtlichen Leben werden. Zu einer Haltung, einer Lebenshaltung?

Es gibt ja in der Ev. Kirche für jeden Sonntag und jeden Festtag einen vorgeschriebenen Predigttext. An den sollte man sich als Pfarrer und Prediger halten, man wird natürlich nicht entlassen, wenn man´s nicht tut. Aber es sind schon so manches Mal Herausforderungen, so vielleicht auch heute dieser vorgeschriebene Text, der auf den ersten Augenblick gar nicht so weihnachtlich anmutet.

Ich lese und Verse aus dem Titusbrief, dem 2. Kapitel, die Verse 11-14.

Denn es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen und nimmt uns in Zucht, dass wir absagen dem ungöttlichen Wesen und den weltlichen Begierden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben und waren auf die selige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich selbst für uns gegeben hat, damit er uns erlöste von aller Ungerechtigkeit und reinigte sich selbst ein Volk zum Eigentum, das eifrig wäre zu guten Werken.

Sie haben´s natürlich sofort gemerkt, so richtig weihnachtlich ist das nicht. Keine Maria und Josef, kein Kind in der Krippe, keine Hirten und Engel. Was wollen uns diese Worte an Weihnachten sagen?

Ich meine, dass sie uns einladen wollen, Weihnachten nachhaltig erleben und leben zu können. Nicht beschränkt auf den einen Tag, den Höhepunkt des Jahres und die anschließenden beiden Tage des Ausklangs. Sie wollen einladen, Weihnachten ganzheitlich zu leben. Zunächst wird uns aufgezeigt, dass Weihnachten ein Geschenk an uns ist. Weihnachten ist Geschenk an uns Menschen. So viel wie wir machen und werkeln, vorbereiten und planen, die Grundlage des Festes ist ein Geschenk. Gottes Geschenk an uns. „Es ist erschienen die heilsame Gnade Gottes allen Menschen.“
Weihnachtlich lebt, wer sich Weihnachten nicht erarbeiten will, sondern Licht, Freude und Hoffnung empfängt. Die heilsame Gnade, die rettende Gnade ist erschienen allen Menschen. Gottes Geschenk an dich und mich. Es zählt heute nicht, ob ich hier regelmäßig in diesem Haus bin, ob ich vielleicht nur 1x im Jahr hier bin, Gott verschenkt sich an alle Menschen. Egal wie ich Weihnachten begreife, als Fest der Familie, Fest des Schenkens, Fest des Friedens, Fest der Liebe, Fest der Besinnung, die Grundlage des heutigen Festes ist Gottes Geschenk an jeden einzelnen, jede einzelne.
Es sind natürlich alte, antiquierte Worte, wenn von der heilsamen Gnade Gottes gesprochen wird. Das heißt übersetzt, dass Gott zu Weihnachten die Not von Menschen sieht, die sich auf ihrem Weg der Selbstverwirklichung immer und immer wieder selbst betrügen um an ihr Ziel zu kommen. Gott sieht die Lieblosigkeiten der Menschen, bei denen das Ich immer vor dem Du kommt. Gott sieht die Not von Menschen, die auf ihrem Lebensweg oft von einer Ziellosigkeit umfangen sind und oft nicht wissen, wohin ihr Leben führen soll. Gott sieht die Not von Menschen, die oft in Schuld verstrickt, vom schlechten Gewissen geplagt, sich durchs Leben hangeln in der Hoffnung, dass es niemandem gelingt, hinter die Kulissen zu schauen. Die Bemühungen, nach außen etwas aufrecht zu erhalten, um weiterleben zu können.
Mit dem Kind in der Krippe zieht Gott einen Schlussstrich hinter all unsere Bemühungen, unserem Dasein einen Wert geben zu müssen. Weil Gott selbst aufopferungsvolle und hingebungsvolle Liebe ist, verschenkt er sich selbst der Welt um uns Menschen aus diesem Strudel zu befreien. Mit dem Kind in der Krippe macht Gott deutlich, dass Neuanfang möglich ist, neues Leben für dich und mich möglich ist. Und die so grandiose Botschaft des Weihnachtsfestes ist dieses „allen Menschen“. Voraussetzungslos, bedingungslos gilt diese Botschaft heute Abend uns allen. Da ist nicht derjenige im Vorteil, der hier ganz regelmäßig ist gegenüber dem, der nur 1x im Jahr hier ist. Obwohl, so jeden Sonntag hier vor ausverkauftem Haus wär schon cool. Aber das ist der Wunsch eines Pfarrers.

Gott sagt „allen Menschen“. Das bedeutet, wer spürt, dass er dieses Geschenk doch irgendwie braucht, das der Energieverbrauch zur Lebenserhaltung zu groß ist, wer Empfangender sein will und Weihnachten hier drin, tief im Herzen erleben möchte, der darf dieses Geschenk in Empfang nehmen. Egal wie eben oder uneben die bisherige Lebensgeschichte verlief. Gott beurteilt und verurteilt nicht. Er will sich an dich verschenken. Er will, dass es warm und hell wird in unserem Leben. So warm und hell, dass noch ganz viel für andere übrig bleibt.

Das ist der zweite Punkt von Gottes Geschenk an uns heute. Wer von diesem Geschenk Gottes her sein Leben zu gestalten versucht und sich nicht nur an diesem Tag, diesem Fest der Gnade Gottes öffnet, der lebt weihnachtlich, über diesen Tag hinaus. Für ihn oder natürlich auch sie, kann jeder Tag des Lebens zu einem weihnachtlichen Fest werden. Oder vielleicht doch ein bisschen anders: Für ihn oder sie wird dann jeder Tag des Lebens zu einem weihnachtlich geprägten Leben werden. Nach einem Geschenk, welches wir empfangen haben ist es ja logisch, dass wir es auspacken. Denk ich mal so. Ich frage mal euch Kinder, werdet ihr heute Abend ein Geschenk, welches ihr bekommen werdet nicht auspacken? Vielleicht erst morgen oder in einem halben Jahr? Nein, das macht niemand. Wenn ich etwas geschenkt bekomme, werde ich neugierig auf das was drin ist, auch wenn ich es manchmal schon ahne. Aber ich will es sehen, es anfassen und mich daran freuen. Das ging denjenigen in unserer Weihnachtsgeschichte ähnlich. Die Hirten machten sich nach dem, was die Engel ihnen sagten, ihnen schenkten auf den Weg. Sie wollten sehen, berühren, schauen, ob das wirklich wahr ist. Grundlage bleibt, dass wir von Gott heute etwas Großartiges geschenkt bekommen. Durch sein Geschenk an uns, Heilung für unser Leben und für unsere Seelen, möchte Gott nun unser Leben verwandeln, nicht nur heute an diesem Tag, sondern ganzheitlich.

Mit seinem Geschenk an uns stellt Gott unser Leben in Frage. Er stellt uns die Frage, ob wir weiterwollen so wie bisher, oder ob wir uns einlassen wollen und können, uns von ihm verändern zu lassen. Ganzheitlich. Ein Leben führen wollen unter und mit diesem Geschenk. Gott will, und das geht über das Geschenk seiner erschienenen heilvollen Gnade noch einmal deutlich hinaus, unser Leben verändern und verwandeln. Wer das Geschenk Gottes annimmt, es empfängt und für sich auspackt, wird ein anderer. Ein anderer für andere Menschen. Weihnachten heißt auch: von der Gnade zu den Werken. Oftmals gehen wir als Kirchen und Gemeinden den umgekehrten Weg, aber Weihnachten verändert die Sichtperspektive. Zuerst die Gnade, dann unser Handeln. Das Licht der Weihnacht, die Freude des Festes, die Fülle seiner Gnade will uns aktivieren zum Tun des Guten in unserer Welt. Es ist ja ein guter weihnachtlicher Brauch, in unseren Kirchen die Kollekte am Heiligen Abend für „Brot für die Welt“ zu sammeln. Für die Menschen, von denen wir uns überhaupt keine Vorstellung machen können, wie es ihnen geht, sie sie leben müssen. Menschen, die das Leben vergessen hat, Menschen, denen, verzeihen sie mir dieses harte Wort am Heiligen Abend, aber es trifft den Kern, denen es beschissen geht. Die nicht wissen, ob sie den morgigen Sonnenaufgang noch erleben werden. Und es ist gut, dass wir für sie sammeln und ein Stück weit von dem teilen, was wir im Überfluss haben. Das ist ein Anfang und eine Aufgabe, die wir als Gemeinde und als Menschen vor uns haben.

Am Ende unsere Predigttextes werden wir erinnert, an den Gesamtzusammenhang der Geschichte des Kindes in der Krippe. Natürlich hat Karfreitag seinen eigenen Platz, aber mit unserem heutigen Text wird der Blick über den Tag, über das Fest hinausgeworfen auf das Leben und das frühe Ende dieses Kindes. Ein Weihnachtstext mit Kreuz. Passt uns vielleicht gar nicht so recht in die festliche Stimmung des heutigen Tages. Aber gerade dies zeigt uns heute, einen Blick weiter zu werden auf das Leben dieses Mannes, von dem uns 4 Evangelisten erzählen. Sein Leben, welches anderen Menschen zugewandt war, bedingungslos und voller Liebe. Sein Leben, welches erst den anderen gesehen hat in seiner Einmaligkeit und nicht mit seiner Schuld. Ein Leben, welches die Not anderer wahrgenommen hat, ohne daran zu denken, was es ihn kosten würde ihnen zu helfen. Ein Leben, welches mehr gegeben hat als genommen. Das könnte hier noch sehr weit fortgesetzt werden. Aber Sie wollen ja auch irgendwann einmal nach Hause.

Aber ich bin mir sicher, dass bei den benannten Aufzählungen Ihnen Menschen eingefallen sind, hier in unserer Stadt Oranienburg, ganz egal ob Einheimische oder die vielen Fremden und Flüchtlinge, die seit diesem Jahr in unserer Stadt sind, die genau solche Menschen brauchen, deren Leben geprägt ist von einer solchen Haltung. Menschen die hilflos und orientierungslos sind und andere Menschen brauchen, deren Herz eine solche Liebe und Zuwendung ausstrahlen.
Und ich kann sie so gut verstehen und hören, die Sorgen und Fragen vieler im Blick auf die Zukunft. Die Sorgen im Blick auch auf gesellschaftliche Veränderungen, welche die kommenden Jahre mit sich bringen werden. Und ich will und werde diese nicht abbügeln. Denn sie sind da und dürfen nicht in irgendwelche Ecken gestellt und polarisiert werden.
Weihnachtlich leben heißt im Blick auf das Geschenk Gottes, die Veränderung unseres Lebens durch dieses Geschenk und im Blick auf das Leben und Wirken des Kindes, später als junger Mann, erst einmal da anzupacken wo es NOT-WENDIG ist. Wo Not zu wenden ist und dann im Gespräch miteinander, im Gespräch der Positionen zu schauen, wie ein gutes Miteinander denkbar und möglich ist. Wie Zukunft, auch hier vor Ort gestaltet werden kann.

Liebe Gemeinde, ich wünsche Ihnen und mir weihnachtliches Leben über den heutigen Tag hinaus. Das wir ergriffen werden von diesem Geschenk, uns dadurch verändern lassen zu einer liebenden und hingebungsvollen Lebenshaltung und diese dann im Blick auf andere Menschen, stehen sie uns näher oder ferner, einsetzen für ein Stück mehr Menschlichkeit in unserer Welt.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus. Amen

Predigt Friedemann Humburg, 24.Dezember 2015, St.Nicolai Kirche Oranienburg

25.Dezember 2015 - 1.Weihnachtstag

Gnade sei mit euch und Friede von Gott unseren Vater, durch unseren Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Schwestern und Brüder,

ich lese uns noch einmal den Predigttext für den heutigen 1. Sonntag nach dem Weihnachtsfest aus dem 1. Johannesbrief im 1. Kapitel, die Verse 1-4:

Was von Anfang an war, was wir gehört haben und unsere Hände betastet haben, vom Wort des Lebens- und das Leben ist erschienen, und wir haben gesehen und bezeugt und verkündigen euch das Leben, das ewig ist, das beim Vater war und uns erschienen ist-, was wir gesehen und gehört haben, das verkündigen wir euch, damit auch ihr mit uns Gemeinschaft habt; und unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. Und das schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen sei.

Ich möchte mit Ihnen gern eine Erfahrung meiner Jugendzeit teilen.  Vor vielen Jahren, jetzt rede ich schon wie ein älterer Mann, zumindest für meine Kinder bin ich es ja schon und wenn ich daran denke, dass dies alles schon über 33 Jahre her ist, na ja, vielleicht ist es ja wirklich so. Ich bin ja, wie die meisten von Ihnen wissen, gut kirchlich sozialisiert aufgewachsen. Andachten und Gottesdienste gehörten zu meinem Leben selbstverständlich mit dazu. Ich bin, das ist allerdings schon länger als 33 Jahre her, ziemlich regelmäßig mit meinem Vater an Sonn- und Feiertagen unterwegs gewesen, um ihn bei seinen Gottesdiensten im Kirchenkreis zu begleiten. Ich weiß gar nicht so recht warum, gerissen habe ich mich sicherlich nicht darum. Vielleicht war es ja familiär nicht anders möglich, meine Schwester war 4 Jahre jünger und meine Mutter auch vollbeschäftigt. Und der Sohn musste ja irgendwie sinnvoll am Sonntagmorgen beschäftig werden. Also ich unterstützte meinen Vater bei den Gottesdiensten, übernahm Lesungen, ich hätte wahrscheinlich schon vor der Konfirmandenzeit meinen Unterschriftenhefter voll gehabt und, aber das ist ja auch normal, langweilte mich bei den Predigten unendlich. Möge es Ihnen heute Morgen anders gehen. Ab und zu durfte ich auch ein Solo im GD singen, ich hatte eine ziemlich gute hohe Stimme, deren ich in der Pubertät verlustig wurde. Als dann, etwa ein Jahr vor der Konfirmation deutlich wurde, dass es mit der kirchlichen Jugendarbeit in Friedrichsthal haperte, erzählte mir mein Vater, dass es in der Ev. Freikirchlichen Gemeinde in Oranienburg eine gut funktionierende Jugendgruppe gibt und sagte, ich solle sie mir mal anschauen. Er wusste nicht, was er damit anrichtete.

Also irgendwann bin ich dann da auch mal hin, Sonntagabend, von 18:30 – 20:30 Uhr war Jugendstunde, also ein verlängerter Jugendgottesdienst, heute kaum vorstellbar, und das haben wir jeden Sonntag gemacht, am Abend 2 Stunden Jugendgottesdienst. Und diese 2 Stunden hat man kaum bemerkt. Kurzweilig. Es wurden Lieder gesungen, wir haben miteinander Bibel gelesen, gebetet, eine Predigt gehört, meist 45 min. lang. Aber Herbert Weimer, viele von Ihnen kennen ihn, war ein begnadeter Prediger, ist er auch heute noch, und ich hab ihm gern zugehört. Übrigens waren wir immer zwischen 50 und 70 Jugendlichen, Sonntag für Sonntag. Nach dem Gottesdienst war Zeit zum quatschen, Schmalzstullen, Tee und dann mit dem Fahrrad 35 min bis nach Hause. Und ich fühlte mich so wohl unter diesen Jugendlichen, wurde angesprochen, ernst genommen, in ihre Mitte mit hineingenommen und gehörte nach kurzer Zeit einfach mit dazu. War kein Fremder mehr. Und so habe ich nach diesen Sonntag Abenden gelechtzt und konnte diesen Abend kaum erwarten. Meist war ich auch schon eine Stunde vor Beginn da. Man hat Freunde getroffen, TT gespielt, sich unterhalten. Und ich hatte das Gefühl, und das bestätigte sich auch, dass ich hier niemandem etwas vormachen musste. Ich musste nicht den Coolen spielen, um akzeptiert zu sein. Hab ich zwar auch gemacht, es waren ja schließlich auch andersgeschlechtige da. Aber das Zentrum jedes Sonntag Abends war das Evangelium.

Und ich glaube heute, es war beides: die Mischung aus dem Treffen mit guten und mir heute noch wertvollen Freunden und eine, wie ich heute noch finde, sehr zeit- und jugendgemäße Verkündigung der biblischen Botschaft. Übrigens war ich am Vormittag auch dort. Da war Ausschlafen wesentlich uninteressanter. Ich bin 8:45 Uhr von Friedrichsthal nach Oranienburg Fahrrad gefahren um am Vormittagsgottesdienst in dieser Gemeinde teilzunehmen. Das war mir wichtig. Ich wollte das erleben, Gottesdienst feiern und anschließend Zeit haben um miteinander zu reden. Ich habe aus dieser Zeit wesentliche Impulse für meinen Glauben gewonnen und mitgenommen und bin außerordentlich dankbar für diese gute Idee meines Vaters. Und seit dieser Zeit trage ich diese Jahre als eine Art Idealbild von Gemeinde in mir und würde so gerne so oder ganz ähnlich Gemeinde leben, auch hier in diesem Haus.

Menschen ist es wichtig unter dem Wort Gottes zusammenzukommen. Zu hören, zu loben, zu danken, zu klagen und miteinander auf dem Weg zu sein als Gemeinde Jesu Christi. Menschen, die eine Sehnsucht haben nach dem Wort Gottes und nach Gemeinschaft. Menschen die mit einander und füreinander da sind. Menschen, die sich einander nichts vormachen müssen, die um ihre Begabungen, aber auch ihre Schwächen wissen und sich so einander gnädig anblicken, tragen und ertragen.

Das ist ein biblisches Bild für Gemeinde, ein Bild, was mir zugegebener Maßen sehr sehr lieb ist. Das Ziel christlichen, gläubigen Lebens heißt Gemeinschaft zu haben miteinander. Gemeinschaft auch oder vielleicht gerade gegen den Trend des gesellschaftlichen Individualismus, wo sich jeder in seine eigene kleine Nische zurückzieht um möglichst mit andern nicht mehr Kontakt haben zu müssen als nötig. Ich war mit meiner Familie, das ist gar nicht so lange her, an einem Wochenende Verwandte in Rostock besuchen. Die wohnen in einem Neubaublock mit 120 Mietparteien. Gut, ist halt so. Und wir zum Ausflug uns auf den Weg gemacht haben, habe ich jeden der mir begegnete freundlich begrüßt. Guten Morgen, Guten Tag usw. Und ich spürte eine völlige Verunsicherung bei den Menschen, die das nicht kannten oder auch nicht wollten. Individualisierung.

Christsein zielt auf Gemeinschaft. In aller Individualität. Es geht nicht mehr, so schreibt es Johannes, dass wir jede und jeder sein eigenes Süppchen kocht, sondern das wir die Gemeinschaft untereinander suchen und leben. Es gibt keinen christlichen Individualismus.

Ist ja alles schön und gut. Vielleicht auch nachvollziehbar. Nun sind wir aber auch Menschen und dummerweise gibt es da ebensolche Exemplare, mit denen können wir nichts anfangen. Da kann der Pfarrer noch so viel erzählen vom Ziel christlichen Lebens, kann noch so sehr versuchen zu überzeugen, aber da gibt es Menschen, beim besten Willen, mit denen geht das nicht. Da könnte jemand sagen: Ich habe mich wirklich ehrlich bemüht, das getan was in meiner Kraft steht, bin über so manchen Schatten gesprungen, aber nicht mit dem oder nicht mit der, das geht einfach nicht. Ich sehe ihn wirklich gern, aber nur von hinten. Da kann man machen was man will, es geht einfach nicht.

Unser biblischer Text sagt uns klar und deutlich, dass die Grundlage der Gemeinschaft keinesfalls in Sympathie oder Antipathie begründet ist. Auch wenn dies natürlich irgendwie mit dazugehört. Der Grund dieser Gemeinschaft liegt allein in Gott selbst begründet. Hier schreiben Menschen, die begriffen haben, dass der Grund der geschwisterlichen Gemeinschaft etwas ist, was Gott selbst gegeben, gestiftet hat. Menschen geben hier ein Zeugnis darüber, dass sie eine Erfahrung gemacht haben, die über sie selbst hinausgeht. Eine Erfahrung, die nicht machbar ist sondern einzig und allein empfangbar. Es geht hier nicht um die Behauptung von Wahrheiten sondern um Lebenserfahrungen über den Horizont des eigenen Lebens hinaus. Hier sprechen Menschen, jene „wir“, die Weihnachten endgültig begriffen haben, nicht allein begriffen, sondern mit den Händen betastet, gesehen und geschaut haben. Sie haben die Erfahrung des Lebens gemacht, Leben mit allen Sinnen ergriffen.

„Was von Anfang war, was wir gehört haben, was wir betrachtet haben und unseres Hände betastet haben…“ Im Kontext der Weihnachtszeit deuten wir natürlich dies auf die Erscheinung Jesu Christi im Stall von Bethlehem. Die Menschwerdung Gottes, die weit über das hinausgeht, was gesehen und betastet werden kann. In ihm, so die Zeugen, ist erschienen, was von Anfang an war. Gott selbst und das Wort des Lebens. Er, dessen Ruf einst die Welt ins Leben rief, er, der sich seiner gefallenen Welt immer und immer wieder in Liebe und Geduld zugewandt hat, erscheint nun selbst zur Befreiung und Erlösung der Menschen. Liebe greifbar, betastbar und erlebbar. Gott selbst und das Leben ist wirklich und mit den Sinnen erfahrbar erschienen in Jesus Christus.

Das schreiben übrigens Menschen, vermutlich ist der 1. Johannesbrief Anfang des 2. Jahrhunderts geschrieben worden, die selbst keine Augen- und Ohrenzeugen gewesen sind. Und dennoch schreiben sie von den Erfahrungen des Betastens, Sehens und Spürens. So müssen wir annehmen, dass diese Erfahrung auch über das Leben der historischen Person Jesu Christi möglich ist. 150 Jahre nach seinem Tod bis hin in unsere Tage. Die Erfahrung Gottes, die lebendige Erfahrung Gottes ist nicht gebunden an eine bestimmte Zeit, an bestimmte Orte, sondern auch hier und heute möglich und nötig. Weil Gott sich selbst an die Welt verschenkt und eben noch keinen Schlussstrich gezogen hat. Lebendige Gotteserfahrungen sind spürbar, tastbar und erlebbar auch 2015 möglich. Und die Schreiber des Briefes wollen uns heute und hier ermutigen, uns einzulassen auf diese Erfahrung des Lebens. Nicht im Sinne einer kirchlichen Ideologie, sondern im Sinne der verändernden und gestaltenden Kraft Gottes im eigenen Leben.

Natürlich wäre ich heute lieber in der Lage von Simeon und Hanna. Mit den eigenen Augen gesehen, ihn, das Kind auf die Arme nehmen zu können um zu betasten. Würde vielleicht manches einfacher machen. Das ist ja auch ok. so. Ein solcher Wunsch. Dennoch macht unser Text Mut, auf der Suche nach dem Leben, dem eigenen Leben das Herz zu öffnen für den, der sich an uns verschenkt hat. Ihn einzuladen um zu sehen, zu spüren und zu erleben.

Einen Hauch davon habe ich erleben dürfen in den Tagen, von denen ich am Anfang erzählte. Ich bin nicht mit dem Fahrrad 4x am Sonntag von Friedrichsthal nach Oranienburg gefahren weil ich mit 14, 15 oder 16 Jahren so gern Fahrrad gefahren bin. Es war nicht immer Sommer in diesen Jahren. Nein, es entwickelte sich ein Gespür in mir, dass hinter den wohlbekannten Worten, die ich sozusagen mit der Muttermilch aufgesogen habe, mehr stecken muss als ich bis dato ahnte. Eine Lebendigkeit, eine Kraft, eine Erfüllung, nach der ich damals gedürstet habe. Ich wollte diese Erfahrung des Lebens machen, wollte selbst spüren, betasten und erleben. Das war der Grund für meine Wege. Und ich habe erleben dürfen, das ist jetzt etwas ganz persönliches, ohne die Bewertung anderer, dass sich bewahrheitet hat, das diejenigen, die ihn suchen, auch finden werden. Ich schließe in aller Bescheidenheit Paulus an, wenn er sagt: nicht dass ich´s schon ergriffen hätte, aber ich jage dem nach, auf der Kampfbahn, um das Ziel zu erreichen. Aber ein Stück weit durfte ich diese göttliche Kraft und ihre Lebendigkeit erleben und spüren und dies hat mich seit dem nicht mehr losgelassen und ich will auf diesem Weg der Suche weitergehen um mehr und mehr davon zu erfahren.

Das ist der Grund, das Fundament unserer Gemeinschaft auch hier in unserer Gemeinde. Zu suchen, zu erfahren und dann davon anderen Menschen zu erzählen um sie mitzunehmen auf dem Weg des Lebens, auf dem Weg zum Leben. Wenn wir diesen Hauch des Lebens, den Hauch des ewigen Lebens ein Stück weit spüren in unseren Leben, dann werden wir gar nicht anders können, als andere Menschen einzuladen, dies ebenfalls in ihrem Leben sehen und betasten zu können. Uns hierin zu stützen, zu stärken, bei Verletzungen zu verbinden, uns miteinander zu freuen und auch miteinander zu trauern und zu weinen ist der Grund und das Fundament unserer christlichen Gemeinschaft.
Aber immer im Blick auf den Weg und das gemeinsame Ziel.

Liebe Schwestern und Brüder, ich möchte dies noch einmal an einem kleinen Beispiel verdeutlichen und jetzt komme ich in meine kleine persönliche Welt. Wir können an dieser Stelle, im Blick auf das gemeinsame Ziel, sehr viel vom Fußball lernen, vom FC Bayern München. Die wollen eins: Titel gewinnen. Darin sind sie sich einig und tun alles dafür, um dies zu ermöglichen. Sie trainieren hart und ordnen so ziemlich alles dem gemeinsamen Ziel unter. Die Nahrung, sicherlich auch ein Stück des familiären Lebens und der eigenen Person. Klar, wenn jemand nicht spielen kann ist er schon unzufrieden, und darf das auch mal äußern. Aber letztlich zählt der Erfolg und das Ziel. Dem ist alles andere untergeordnet. Und wenn´s gelingt freuen sich alle, auch die Ersatzspieler, denn sie sind Teil der Truppe. Und wenn sie verlieren, stehen sie zusammen, auch zusammen wieder auf, um es besser zu machen.

Ja klar, jedes Beispiel hinkt ein wenig, aber dennoch finde ich, ist es auch ein schönes Bild für die Gemeinde. Gemeinsam das Ziel sehen und miteinander auf dem Weg sein, egal ob in der ersten oder zweiten Reihe. Es geht um unsere Mitmenschen und ihre Möglichkeit, Leben, den Hauch des ewigen Lebens in ihren jetzigen Lebenszusammenhängen. Und wer dies im eigenen Leben spüren und erfahren darf, der wird dann auch den letzten Vers unseres Predigttextes nachvollziehen können, Freude, vollkommene Freude zu erleben. Das ist natürlich in erster Linie eine Freude, die sich tief im eigenen Herzen ereignet, aber im Blick auf unser Leben nicht unübersehbar bleibt. Das werden Menschen spüren, sich mitfreuen oder vielleicht ein wenig neidvoll dreinschauen. Vielleicht eher sehnsuchtsvoll.
Liebe Schwestern und Brüder, Weihnachten kann und soll für uns zu einer umfassenden und neuen Lebenserfahrung werden, jenseits aller Theorie. Weil Gott sich uns verschenkt, dürfen wir seine lebendige Kraft in uns spüren, können sie sehen und betasten und diese, das ist unser Auftrag, in die Welt bringen, zu den Menschen, um sie mitzunehmen in diese lebendige Erfahrung hinein.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle unsere menschliche Vernunft bewahre unsere Herzen und Gedanken in Christus Jesus. Amen

Predigt Friedemann Humburg, 25.Dezember 2015, St.Nicolai Kirche Oranienburg

 
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